|
Energy/Streetparade 1996
"Die einen tanzten und liebten sich selbst, die anderen staunten" schrieb Peter Haerle im Tagesanzeiger.
Ich habe mich bereits die vergangenen zwei Jahre bereit erklärt, eine Kolumne zum Zürcher Partywochenende zu
schreiben und da bin ich auch schon wieder und langsam läuft die Streetparade dem Sechseläuten den Rang ab,
das heisst allerdings auch, dass die Parade sich langsam in das Stadtbild integriert hat.
Mann/Frau, Alt/Jung geht hin, macht mit oder, viel wichtiger, schaut zu, denn wer will sich selbst darstellen, wenn niemand
zuschaut? Natürlich ist es auch falsch, "Zürich war noch nie so exhibitionistisch" zu schreiben, denn Zürich (natürlich könnte
hier auch Bern oder Berlin oder London oder, oder stehen) war nie so sensationsgeil! Aber Revolutionen werden gross und gehen
an ihrer Grösse zugrunde. Keine Sensationen also. Dass das freundlich-dumpfe, allseitsbekannte Boulevardblatt, welches noch vor
etwa zwei Jahren mit Überschriften wie "Hunderte von Hip-Hopern tanzten in Zürichs Strassen" über die Streetparade Bericht erstattete,
nicht selber einen Wagen dabei hatten, stimmt mich aber dann doch recht glücklich. Wer jetzt aber meint, dass der Raver akzeptiert wurde,
schneidet sich allerdings recht heftig, schliesslich und endlich ist es das Marktpotential, mit welchem man sich als Konzern noch so gerne
auseinandersetzt. Das Wetter war gut, die Stimmung auch, die Musik war scheisse. Insgesamt überquerten etwa 25 Wagen die "Brücke am
Quai" und beschallten die Umgebung vorwiegend mit Türsteherclub-Happy-House oder mit allen erdenklichen Trancerichtungen. Mr. C von
The Shamen zeigte seine Zahnlücke glücklich smilend auf einem dieser Trancewagen. Wirkliche Höhepunkte trotz der unzureichenden Sound-
Systems waren die zwei Jungle-Mobiles aus dem Westen (United Tribes aus Bern und Vinyl Records aus Vevey). Comin' Fresh ina 9t6!
Die Kaufkraft der Jungen ist mit einer Veranstaltung natürlich noch nicht ausgereizt und die 70.- Sfr. für das Energy'96 wurden von mindestens
20000 Besuchern bezahlt. An der Energy-Pressekonferenz wurde die geschätzte Paraden-Teilnehmerzahl von 350000 bekanntgegeben. Wenn
ich die Zahl auch etwas übertrieben finde, denke ich trotzdem, dass sich Zürich durch solch berechenbare Menschenfluten eine goldene Nase
verdient und die nächste Parade ist schon so gut wie bewilligt. Gebt mir eine Kotztüte und liebt euch weiter. Aber zurück zur Energy und nur mal
so die wichtigsten Punkte, das heisst ich gehe eben mal gar nicht gross auf die Haupthalle ein. Irgendwie war's dort auch ziemlich leise, zum Glück.
Hit des Abends war Insomnia von Faithless. Sic! Die Electric Science-Halle war erstaunlich voll mit netten Leuten und das erste Mal ordentlich beschallt.
Highlights waren Jeff Mills, der mit 3 Plattenspielern und einer Roland 909 Meisterstücke vollbrachte, ein etwas missglückter Live-Auftritt von Robert Hood,
ein weiteres Live-Set von Green Velvet aka Cajmere und abschliessend zwischen 07.00 und 08.00 Uhr noch ein fehlerfreies Set von Tek Jam in nahezu voller
Halle. Im House-Tunnel zwischen 03.30 und 04.30 war Herbert Matthew aka Dr. Rockit als DJ für eine Stunde von frischestem House verantwortlich = Definitiver
Höhepunkt! Merkt euch den Namen und wartet, bis ihr ihn auf einem Mokka-Flyer wiederentdeckt. Der Jungle-Floor war nicht so leicht zu finden.
Mit Kemistry & Storm, Alex Reece und A Guy Called Gerald inkl. MC's aber ebenfalls bestens bestückt und auch der einzige Raum der Deko-mässig etwas
hergeben konnte. Alles in allem ist dieses Wochenende nicht unbedingt in Zürich zu verbringen und ich merke, dass ich hier besser über die Lethargy, das
im alternativen Kulturzentrum "Rote Fabrik" stattfindende Festival, geschrieben hätte, aber wenn interessiert das schon... Slab in the Face!
Übrigens: Zürichs Stadträtin Monika Stocker meinte am Sonntag im Fernsehen, sie könne die Jungen also recht gut verstehen. Also ihr Jungen und
Junggebliebenen, spassige Sache und so!!
von DJ-Spectron / Fotos: Cristina Alberghina
|