Selve Zeitung 2. Ausgabe, Juli/August 1996

Inhaltverzeichnis
Hey Folks!
Sounds
Lebendig
Letzter Party-Sommer in der SELVE?
So soll das künftige Selve-Areal aussehen

Hey Folks!
Ab in die Selve! Wer jetzt nicht kommt, den bestraft das Leben. In diesem Sommer wird das Selve-Areal so richtig aufleben, es wird was abgehen! Bereits im nächsten Frühjahr werden möglicherweise die Bagger auffahren und dieses einmalige Kultur-Eldorado niederreissen. Neue Läden, neue Büros und vorab neue Wohnungen werden die alten Fabrikhallen ersetzen. Ein Park direkt an der Aare lädt zum gemütlichen Familien-Spaziergang ein; Tekkno und Rock 'n Roll werden verstummt sein. Lest dazu unseren Beitrag "Letzter Party-Sommer in der SELVE". Und denkt daran: Jetzt oder nie mehr! - Die SELVE wird momentan von keiner öffentlichen Stelle finanziell unterstützt. Deshalb muss der Übersichtsplan auf einer Seite Platz haben, solange sich niemand an den Kosten beteiligt. Die Redaktion bemüht sich, nach Lösungen zu suchen, die alle befriedigt. - Diese Nummer ist eine Doppel-Ausgabe. Nicht, dass uns schon die Luft ausgeht, aber wir haben keinen Bock darauf, im Juli Inserenten zu suchen und überall zu hören: "Sorry, der Chef ist in den Ferien und kehrt erst in drei Wochen zurück." Zudem möchten auch wir uns etwas Erholung gönnen und nach den ersten beiden Nummern, die unter Stress zustande gekommen sind, die dritte Nummer mit etwas mehr Ruhe angehen. Dies gibt uns auch gleich die Gelegenheit, die Redaktion und die MitarbeiterInnen in der SELVE Nummer 3 vorzustellen. Wer den Sommer geniesst, versteht uns sicher! - So long People, legt Euch doch auch mal ins Schwäbis-Bad vis-à-vis vom Selve-Areal, geht nach Bali surfen oder raved an "Summer-Love-Partys"!

Die Redaktion!

Sounds
Im Zeitalter des New-York-City-Hip- Hop mit Grandmaster Flash, Funkmaster Flex, Red Man und Co., ist es eigentlich ziemlich deprimierend, dass so langweilige Rapper wie Snoopy Doggy Dog, Dr. Dre oder der Wu-Tang Clan die Hip-Hop-Charts dominieren. Aus diesem Grund verstehe ich gut, dass viele Leute House-Partys bevorzugen, um richtig abzutanzen. House-Partys andererseits neigen oft zur Monotonie. Hin- und hergerissen von diesem Dilemma habe ich als DJ eine Kombination gesucht und im Brit und Trip Hop gefunden!

Brit und Trip Hop ist eine Mischung aus Old School Hip Hop, House, Acid und Trance. Gespielt wird er auf etwa 130-140 Beats pro Minute. Durch das Zusammenspiel von alten Hip-Hop-Beats und Acid wird dieser Sound sehr gut tanzbar. Die alten Sampler wie "Throw your hands in the air" usw. machen den ganzen Mix sehr funkeee!!
Seit einigen Monaten versuche ich, diese Stilrichtungen zu mixen. Nach diversen Auftritten an Snowboard-Events und auch im Mokka in Thun wollten viele Leute ein Tape kaufen und fragten mich: "Hey du, wie seit me dere Musig?".
Die Nachfrage nach einer Vermischung verschiedener Stilrichtungen steigt und ich denke, dass diese Kombination Zukunft hat und ziemlich Trendy wird.
Alle die sich für diese Art von Musik interessieren, können beim Vinyl-Dealer Zig-Zag nach einem Sampler fragen. Z.B. vom Label City of Angels, oder die zwei Mix-tapes von DJ Hardware Trip Hop Acid Phunk I und II.
DJ und Plattenleger können auch Maxis von DJ Icee/Wall of Sound reinziehen. Unter Orlandos Trance sind City of Angels, Kight Life Recordings und viele andere zu finden - unbedingt reinziehen!

vom Plättlileger
D-M-TREE

Lebendig
Einer latscht übers Selve-Areal und trifft den anderen. Abgedrehte Tag-Fratzen schneiden hinter ihrem Rücken Grimassen. "Eine einzige Ruine, dieses Areal." "Ja", meint auch der eine, lächelt aber: in einer Ölüberzogenen Pfütze schillern Regenbogen. "Es wird langsam Zeit, dass endlich abgerissen wird." "Was!? Wieso?" "Du hast mir doch eben zugestimmt, dass diese Fabrik nichts als Schutt ist. Die leeren Gebäude weiter stehen zu lassen, würde bedeuten, auf möglichen Gewinn zu verzichten. Denn du glaubst ja wohl nicht, dass der Betrag, für den die Mieter im Moment aufkommen, auch nur annähernd die Rendite einer gut laufenden Firma ersetzen kann?" "Du redest von Ertrag und misst ihn am Geld. Ist dir auch klar, dass es noch andere Werte gibt?" "Ach Gott, komm mir jetzt bloss nicht mit dem gesellschaftlich sozialen Aspekt dieser Kneipen!" Ein Autofrack fletscht die Zähne, der eine kontert: Sicher, die Metallwerke sind tot und so gesehen ist die Selve zwecklos. Wirtschaftlich sinnvoll wäre also, das ganze abzureissen. Aber nehmen wir doch andererseits die Natur zum Vergleich: Tote Bäume liefern frischen Keimen notwendige Nährstoffe. Nur in "aufgeräumten" Gärten braucht man Dünger, nur in "sauberen" Städten muss für die Jugendlichen künstlich Beschäftigung gefunden werden. Wir sind nicht gefrustet, weil wir einfach null Bock auf gar nichts haben. Uns fehlt oft nur der Freiraum. Mit der Selve haben wir zwischen euren "geordneten" Verhältnissen eine Nische gefunden, in der unsere Ideen die Luft zum Atmen finden und Gestalt annehmen können. Sie lebt. Roller Blades kurven, Techno-Raves aalen sich über den Schotter und die gesprayten Fratzen grinsen weiter: Die Fabrik lebt, stellt sich hinter den einen, um den anderen an die Wand zu lachen.

Text von: Marie-Anne Schmidt

Letzter Party-Sommer in der SELVE?
Die Marti AG hat scheinbar einen Dagobert Duck gefunden - oder gar mehrere?! Ab Frühjahr 1997 will sie die geplante Überbauung realisieren und Teile des Selve-Areals abreissen, bestätigte Matthias Liniger (Areal-Verwalter der Marti AG). Interessenten für den Kauf seien vorhanden. 1996 dürfte also der letzte grosse Party-Sommer im Selve-Areal werden!

SF. "Wir wollen Tatsachen über das Selve-Areal lesen, keine Gerüchte", fordert am 19. Juni Matthias Liniger, Areal-Verwalter der Marti AG Hausverwaltungen, im Redaktionsbüro der SELVE. Tatsachen, die noch sehr vage sind, aber klar und bestimmt: Die Marti AG will Verträge mit Investoren abschliessen und die geplante Überbauungsordnung ab Frühjahr 1997 realisieren! Falls kurzfristig keine Verträge abgeschlossen werden können, werden voraussichtlich ab August mit den bisherigen MieterInnen neue Mietverträge ausgehandelt. Dies zu leicht höheren Mietzinsen und unbefristet - kündbar auf drei Monate. Das bedeutet, dass alle Nachtlokalbetreiber, welche jetzt investieren, bis am 30. April 1996 ihre Kosten wieder reingewirtschaftet haben müssen. Und jede künftige Investition muss innert drei Monaten amortisiert sein!

Riskiert Nachtwerkbetreiber zuviel?
Am 4./5./6. Juli wird im Nachtwerk ein neuer Innenhof und eine neue Halle eröffnet, was Siegfried Stichelberger über hunderttausend Franken kostet. Im schlimmsten Fall wird im nächsten Frühjahr alles Aufgebaute dem Erdboden gleich gemacht. Auf die Frage angesprochen, ob er mit seinen Investitionen nicht zu hoch pokere, meint Siegfried Stichelberger: "Was wir jetzt eröffnen, wird bis im nächsten Frühjahr amortisiert sein. Weitere Investitionen werde ich aber in Anbetracht der Situation nicht mehr tätigen." Ähnlich ergeht es Jürg Schweizer, der in der Basis ebenfalls am ersten Juli-Weekend den Dancefloor 2 eröffnet.

Wer investiert in das Selve-Areal?
Vor wenigen Jahren waren in Thuns Zeitungen massenhaft Stelleninserate zu finden, aber kaum ein Wohnungsinserat. Heute ist dies genau umgekehrt. Auf die Frage, ob es überhaupt realistisch sei, nach Investoren zu suchen, meint Matthias Liniger: "Der grosse Vorteil gegenüber anderen Projekten sind die geplanten Grünflächen und die ideale Lage." Die Marti AG steht mit Leuten in Verhandlung, die sich für das ganze Areal oder zumindest für ganze Blocks interessieren. Nicht in Frage kommt der Verkauf von Gebäudeteilen, beispielsweise im Stockwerkeigentum. Thuns Stadtpräsident, Hans-Ueli von Allmen, findet das Selve-Areal attraktiv als Wohngebiet. "Ich hoffe, das Vorgehen des Kantons Bern und der Stadt Thun habe positive Signalwirkung auf private Investoren". Wann die Stadt die Verträge mit der Marti AG unterzeichnet, ist noch offen; die Gemeinderats-Beschlüsse sind noch nicht gefällt.
Neuer Selve-Crash Werner K. Rey hat die Selve Metallwerke zu Boden gewirtschaftet und ist damit indirekt für das heutige Kultur-Paradies verantwortlich. Während er auf den Bahamas vor sich hin schmort, zeichnet sich auf dem Selve-Areal aber ein zweiter Crash ab: Mit den Aus- und Umbauten einiger Betriebe ist das Angebot grösser geworden, doch der Selve-Boom von 1995 hat nachgelassen - zumindest vorläufig. Der Entscheid der Marti AG kann sich also für einige MieterInnen katastrophal auswirken und mit dem Konkurs enden. Doch eine Verurteilung der Berner Baufirma ist fehl am Platz: Das Bauhauptgewerbe steckt in riesigen strukturellen Schwierigkeiten, 10000 "Büezern" droht die Entlassung! Und auch wenn das Selve-Areal floriert wie noch nie, die Marti AG führt damit jährlich hohe Verluste ein!

Franz Schori, Redaktor SELVE und Bruno Stüdle, Jurnalist BR

So soll die künftige Selve-Areal aussehen
Lächerliche 14 Seiten ist sie dick, die "Überbauungsordnung Areal Scheibenstrasse". So wird die Grobplanung für das (vielleicht) künftige (und vielleicht/hoffentlich nur utopische) Selve-Areal offiziell benamst. Mit ihrer Annahme regelte das Thuner Stimmvolk am 24. Juni 1995, was und wie auf dem 63000 Quadratmeter grossen Areal gebaut werden darf. Hier das Wichtigste in Kürze:

Foto: Archiv Thuner Tagblatt

Im SektorA - Terrain zwischen Scheibenstrasse, Kraftwerk, Aare und Haus Scheibenstrasse Nr.4 - dürfen Gebäude als Kindergarten, Kinderhort und für quartierbezogene Gemeinschaftsräume genutzt werden. Die Halle Scheibenstrasse Nr.6 wird von der Stadt Übernommen. Als Dampfmaschinenmuseum soll sie dereinst Touristen nach Thun locken. Hm... Die restlichen Gebäude in diesem Sektor werden abgerissen und durch einen Park ersetzt.
Der Sektor F entspricht dem Terrain zwischen Allmendstrasse, Gaswerkareal und Nachtwerk, wo zurzeit die Bauarbeiten für das kantonale Verwaltungsgebäude laufen.
Der Sektor G entspricht den Häusern an der Allmendstrasse und dem ehemaligen Verwaltungsgebäude der Selve. Sie werden nicht abgerissen und dürfen zu Gastgewerbe-, Kultur- und Sozialen Zwecken genutzt werden.
Der ganze Rest (X) der heutigen Selve-Gebäude soll abgerissen werden.

bst.


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