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GeschichteDort wo heute unzählige Beizen, Unterhaltungslokale, Sporthallen, Kultur-Tempel und Dienstleistungs-Buden hausen, stand vor 1OO Jahren garnichts. Auf dem Feld weideten damals noch Schafherden und Kühe.Denn erst 1895 grundete der Industrielle Gustav Selve in Thun die Schweizerischen Metallwerke Selve & Co. Die Firma umfasste vorerst 15 Arbeitskräfte. In den ersten Jahren des Bestehens arbeitete das Unternehmen fast ausschliesslich für die Eidgenossemschaft, vorab für die Munitionsfabrik Thun. Nach drei Jahren wurde mit der Herstellung von Telefondraht begonnen, nach fünf Jahren mit derjenigen von Aluminium-Halbfabrikaten. Im Jahre 1905 konnten bereits 200 Arbeiter beschäftigt werden. Fünf Jahre später wurde die Selve in eine Kollektivgesellschaft umgewandelt, ab 1933 schliesslich als Kommanditgesellschaft weitergeführt. Wenige Jahre später beschäftigte die Selve bereits über 500 Leute. Die Selve mauserte sich zu einem der bedeutendsten Industrieunternehmen des Berner Oberlandes. Grosses 50-Jahr-JubiläumAm 3. November 1945 feierten die Schweizerischen Metallwerke Selve & Co. ihr 50-Jahr-Firmenjubiläum. "Ihr, die diese Feier der 50 jährigen Bewahrung miterleben dürft, gebt diesen guten Geist der Einigkeit allen denen weiter, die Euch an Eurem Arbeitsplatz einmal ablösen werden." Mit diesen Worten blickte der damalige Direktor optimistisch in die Zukunft. "Denn dann dürfen wir getrostsagen", so Stamm, "dass die Generationen halt kommen und gehen. Doch das Werk bleibt. Segne Gott das Selve-Werk", erklärte er im Winter 1945.Neues VerwaltungsgebäudeNeben den bestehenden Fabriken sowie dem riesigen Laboratorium wurde im Sommer 1949 ein neues Verwaltungsgebäude eingeweiht. Nur kurze Zeit später konnte ein nahezu 500 Tonnen schweres, modernes Warmwalzwerk in Betrieb genommen werden. In der Folge verfügte die Giesserei auch über Stranggussanlagen.Werksanlagen in UetendorfDen grössten Schritt in der baulichen Entwicklung bedeuteten die Werksanlagenausserhalb der Stadt. Die Anlagen wurden in Uetendorf errichtet, da für die mitten in der Stadt Thun gelegenen Werke keine Erweiterungsmöglichkeiten mehr bestanden. Das Uetendorfer Drahtwalzwerk arbeitete ab Frühjahr 1953. Ihm folgte in einer zweiten Halle die Bandfabrikationshalle, die nebst Hochleiszngsanlagen auch die entsprechenden Spezial-Maschinen enthielt. In einem dritten Schritt konnte 1996 in einer weiteren Halle der reoganisiere Betrieb für die Herstellung von Stanzprodukten aufgenommen werden.Werner K.Rey kauft SelveIm April 1979 erwarb Werner K. Rey die Gesamtheit der Selve-Aktien von der Gründerfamilie. Bei dem Kauf legte der Financier Rey den früheren Eigentümern, der Erbengemeinschaft von Selve, 18 Millionen Franken auf den Tisch. Am 11. April 1979 liess der neue Verwaltungsratspräsident Werner K. Rey aber via London Schalmeienklänge ertönen, dass er die Selve nicht zu Spekulationszwecken oder wegen ihrer Landreserven gekauft habe. In der Folge wurde der Betrieb mit dem Stammhaus Selve AG eine international tätige Industriegruppe mit rund 2000 Angestellten. Die Firma hiess nun Schweizerische Metallwerke Selve Holding AG, im Volksmund auch als Swissmetal-Gruppe bekannt.Finacier Rey gibt Zepter abIm Januar 1985 wurde die Konzernleitung der Selve Holding AG neu organisiert: Selve-Inhaber Rey schied aus dem Verwaltungsrt aus, die Selve-Gruppe wurde in der Folge von einem fünfköpfigen Führungsstab geleitet. Im Mai 1986 fusionierten die Metallwerke Selve AG Thun mit ihren bisherigen Konkurrenten, um auf dem Buntmetallmarkt gemeinsam schlagkräftiger zu werden. Knapp zwei Jahre später ging in der Region Thun der wohl grösste Landverkauf der letzten Jahrzehnte über die Bühne: Die Selve verkaufte ihre gesamten Liegenschaftsreserven in Thun und Uetendorf von insgesamt 260 000 Quadratmetern an die Berner Firmen Titag AG und Marti AG. Der Verkaufspreis, so wurde gemunkelt, bewegte sich um die 50 Millionen Franken. In dieser Phase wurden auch bereits erste Arbeitsplatze abgebaut.Eklat: Die Selve schliesstDie Selve gelangte in der Folge fast wöchentlich in die Schlagzeilen, und am 12. September 1991 platzte schliesslich die Bombe: Die UMS Schweizerische Metallwerke AG (zu der sich die drei führenden Buntmetallhersteller der Schweiz zusammengeschlossen hatten) kündigte die Schliessung der Selve in Thun und Uetendorf an. Damals beschäftigte das Unternehmen insgesamt 420 Männer und Frauen. Gespräche mit Kunden brachten der Selve aber nochmals einen Auftragsboom. Die Schliessung der Fabrik mit 420 Beschäftigten konnte noch bis 1993 hinausgezögert werden. Als Ursache der Schliessung wurden der harte Wettbewerbsdruck bei Walzprodukten sowie wirtschaftliche Gründe angegeben.Eine Ära geht zu EndeDann der letzte "Guss" in der Selve Thun am 16. Juni 1993: Für diesen Akt wurden sämtliche Mitarbeiter und deren Angehörige in die russgeschwärzte Giessereihalle eingeladen. Die Selve-Betriebsmusik spielte dazu melancholische Melodien. Bis September wurden die letzten Produktionen eingestellt, bis Ende März 1994 waren die Hallen leergefegt. Von den 400 Personen, welche ihre Stelle verloren haben, hatten bis zu diesem Zeitpunkt lediglich 120 Leute einen neuen Job gefunden. Am 27. Oktober 1993 begann der grosse "Ausverkauf" der ehemaligen Firma. Vom Überkleid mit dem Selve-Emblem bis hin zum Lastwagen, vom Besen bis zur Grossmaschine wurde vom holländischen Auktionshaus Troostwyk alles verhökert. Inzwischen ist alles Material verkauft. Doch die Hallen blieben nicht lange leer: bis heute haben sich im Selve-Areal rund 200 Betriebe eingenistet. An den Wochenenden strömen Hunderte von Jugendlichen ins Areal.Nach der Stillegung kam die WiederauferstehungDas Selve-Areal an der Thuner Scheibenstrasse erstreckt sich über 63 000 Quadratmeter. Es besteht heute hauptsächlich aus alten, verwinkelten zum Teil eingestürzten und abgebrannten Fabrikgebäuden. Nur noch wenige unter Denkmalschutz stehende Bauten befinden sich in gutem Zustand. Das Hauptproblem des ehemaligen Fabrik-Areals bildet aber der Boden: Dieser ist mit Schwermetallrückständen und Kohlenwasserstoffen verseucht. Wird die geplante Überbauung einmal realisiert, mÜssten 30 000 bis 35 000 Quadratmeter Boden bis zu vier Metern Tiefe ausgehoben werden. Davon wären 85 Prozent der Erdmasse wiederaufbereitbar, 15 Prozent müssten als Sondermüll entsorgt werden. Nach Angaben von Planungsbüros würden sich diese Altlasten auf 10 Millionen Franken belaufen. Andere Quellen sprechen gar von 3 Milliarden Franken.Renovierte HäuserreihenIm ehemaligen Buntmetall-Fabrik-Areal stehen heute auch noch einige renovierte Häuserreihen. Diese wurden 1988 in einem vom Basler Architekturhistoriker Othmar Birkner verfassten städtebau- und architekturhistorischen Gutachten dokumentiert.Das in Zusammenarbeit mit der Denkmalpflege des Kantons Bern erstellte Bauinventar der Stadt Thun liefert mittlerweile die bauhistorische Einstufung als Grundlage für die weitere Planung. Knapp 200 Mieter einquartiert"Im Thuner Selve-Areal sind heute rund 200 Mieter in ebenso vielen Räumen einquartiert", erklärte der Verwalter der Marti AG, Franco Somaruga, gegenuber dem TT. "Doch die genaue Anzahl und Art der einzelnen Lokale aufzudecken ist fast unmöglich", meinte er. "Neue Betriebe entstehen, andere verschwinden von heute auf morgen oder müssen aus Sicherheitsgründen geschlossen werden", beschrieb der Verwalter die nicht einfache Situation. "Doch grösstenteils haben wir die Sache im Griff." Die erfassten Betriebe seien in einem Katasterplan schriftlich aufgeführt. "Neumieter werden jeweils dem Gewerbeinspektorat sofort gemeldet", betonte Pranco Somaruga.Keine illegalen BudenDie verschiedenen Mieter sorgen für den Ausbau und die innenarchitektonische Gestaltung ihrer Räume selbst. "Und genau dies führt dazu, dass die Situation nicht ganz transparent erscheint", so Somaruga. "Denn neue Lokale werden offiziell als Lager gemietet, dann aber als Bar oder Garage an Untermieter weitergegeben." Wichtig erscheine ihm aber der Bereich Sicherheitsmassnahmen: "Notausgänge und Gebäudeversicherungen müssen von den Mietem unbedingt beachtet werden, sonst läuft nichts."Ausstehend sei einzig noch ein Fluchtwegkonzept, welches ebenfalls zur erhöhten Sicherheit im Areal beitragen solle, sagte Franco Somaruga. Die Benutzer, welchen laut Somaruga "günstige" Räumlichkeiten zur Verfugung stehen, sind im Katasterplan wie folgt klassifiziert: Gewerbe allgemein, Kunst, Übungslokale, Gastgewerbe, Schulen, Dienstleistungen, Lagerräume und Parkplätze. Die Angebotspalette ist gross und vielfältig. "Doch die Mietverträge dauern bis maximal am 30. April 1997", so der Verwalter der Pirma Mari AG abschliessend. Trotz der Branchenvielfalt sind praktisch alle grösseren Betriebe club-, bar- oder restaurant-ähnlich aufgebaut. Die Betriebe sprechen alle ihre eigenen Szenen an. Zudem ist das Areal häufig Schauplatz von derzeit aktuellen Techno-Partys, welche junge Leute teilweise sogar überregional anziehen. Insbesondere nach Geschäftsschluss der Lokale in der Innenstadt wird das Selve-Areal bei Jugendlichen zum eigentlichen Treffpunkt. Andere NachfragestrukturenNeben den jugendlichen Festtempeln sowie den unzähligen Bar- und Unterhaltungsbetrieben entlang der Scheibenstrasse sprechen andere Betriebe breitere Bevölkerungsschichten an: Schulen, Dienstleistungsbetriebe, Garagen oder Freizeitanlagen, Pistolenschiessanlagen sowie Buden aus der Baubranche weisen eine komplett andere Nachfragestruktur auf.Das Umfeld, unter anderem die Bevölkerung, steht dem Geschehen im Thuner Selve-Areal grundsätzlich positiv gegenüber. Thunerinnen und Thuner wissen, dass 300 bis 400 Voll- und Teilzeitarbeitsplatze entstanden sind. Ohne diese Chance wären viele Gewerbetreibende nach wie vor ohne Arbeit. Durch die Lage des Geländes gibt es bezüglich Lärm aus Selve-Betrieben praktisch keine Reklamationen. Einzig Bewohner des Wohnquartiers Schwäbis auf der gegenüberliegenden Aareseite fühlen sich durch lautes Dezibel-Gedröhne sowie durch Open-air-Techno-Partys gestört. (Emissionsmessungen ergaben keinen Grund zur Beschwerde ausser das rauschen der dazwischenliegenden Aare gäbe dazu anlass.) Konkurrenz zu Stadt-BeizenMit dem Kleingewerbe in der Innenstadt konkurieren die Selve-Betriebe kaum. Lediglich die innerstädtischen Wirte beklagen zeitweise eine zu starke Konkurrenz durch die neuen Lokale und erwarten Unterstützung durch das Gewerbeinspektorat. Drei Beizer beklagten gar einen "massiven" Umsatzrückgang. Einige innovative Gastwirte nehmen trotz der kurzen Vertragsdauer von drei Jahren die Chance wahr und eröffnen im Fabrik-Areal ein Zweitlokal.Marco Oswald, Thuner Tagblatt, Dienstag, 30. Mai 1995 |
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